Autoimmunerkrankungen: Parkinson wird gecastet

Autoimmunerkrankungen: Parkinson wird gecastet

Artikel von Sabine Fliegen, DOCCHECK News 25. August 2016

Forscher sind bei der Suche nach den Ursachen von Morbus Parkinson auf eine heiße Fährte gestoßen: Sie beobachteten eine Verbindung von parkinsontypischen genetischen Veränderungen mit einer T-Zell-Aktivierung. Zittern und Bangen für neue Therapiemöglichkeiten? Erstmalig beschrieben wurde die „shaking palsy“ bereits im Jahre 1817 durch James Parkinson, doch knapp 200 Jahre später sind die genauen Ursachen für die Entstehung eines Morbus Parkinson immer noch ungeklärt. Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass ein multifaktorielles Geschehen hinter Akinese, Tremor und Co. steckt. Natürlich wurden auch genetische Ursachen ins Visier genommen und stark beforscht – mit dem Ergebnis, dass eine ganze Reihe von Genen im Verdacht steht, an der Pathogenese beteiligt zu sein. Gleichzeitig nährt die Wissenschaft die Evidenz, dass autoimmunologische Veränderungen genau wie mitochondriale Dysfunktionen den Dopaminmangel mitverantworten. Nun hat eine Arbeitsgruppe um Dr. Michel Desjardins von der University of Montreal und Dr. Heidi McBride von der McGill University eine äußerst spannende Entdeckung gemacht, die möglicherweise eine Verbindung zwischen den drei pathogenetischen Komponenten – genetisch, autoimmunologisch und mitochondrial – herstellt: In einer aktuellen Studie konnten sie beobachten, dass eine Dysfunktion der Gene PINK1 und Parkin in vitro und in vivo eine mitochondriale Antigenpräsentation durch MHC-1-Moleküle bewirken kann: Dadurch wird einer Zerstörung der Zellen durch zytotoxische T-Zellen der Weg bereitet. Es zeigte sich, dass über den Transport von mitochondrialen Vesikeln zu den Endosomen letztlich eine Antigenpräsentation aktiviert wird. Normalerweise würden die Proteine PINK1 und Parkin diesen Transportweg inhibieren. Fehlten aber die Genprodukte, bleibe die Inhibition aus. Dieser Mechanismus könnte einen Erklärungsansatz für den Untergang dopaminerger Neurone bei Parkinsonsyndromen liefern. Die Ergebnisse sind aber nicht nur für Parkinson-Patienten bedeutend. Denn den Mechanismus, wie die mitochondriale Antigenpräsentation über den Transport von Vesikeln gesteuert wird, wiesen die Forscher erstmalig nach. „Die Rolle, die PINK1 und Parkin bei der Inhibition der mitochondrialen Antigenpräsentation spielen, könnte nicht allein für die Parkinsonerkrankung entscheidend sein, sondern auch anderen Autoimmunerkrankungen wie Diabetes, Lupus und primär billiäre Zirrhose zugrunde liegen, bei denen bereits eine Verbindung zur mitochondrialen Antigenpräsentation hergestellt werden konnte“, kommentiert Dr. Desjardins die Studienergebnisse.

Freezing? In der Forschung Fehlanzeige

In der neuroimmunologischen Forschung ist man zurzeit nicht gerade bradykinetisch unterwegs: Erst im Jahre 2014 postulierten Cébrian et al., dass Neurone in relevantem Ausmaß MHC-1-Moleküle exprimieren und so die Voraussetzung geschaffen wird für eine T-Zell-Aktivierung innerhalb des neuronalen Netzwerks. Zuvor war jahrzehntelang angenommen worden, Neurone seien geschützt vor Angriffen des Immunsystems: „Diese Idee ergab Sinn, denn unser Gehirn kann – außer in seltenen Fällen – die durch das Immunsystem zerstörten Zellen nicht ersetzen. Doch unerwarteterweise haben wir festgestellt, dass einige Neurontypen Antigene präsentieren können“ kommentierte Dr. Sulzer, Mitglied der Arbeitsgruppe, damals die Situation. Bei den angesprochenen Neurontypen handelte es sich interessanterweise um katecholaminerge Neurone der Substantia nigra und des Locus coeruleus. Dadurch wurde mit der Dopamin-produzierenden Substantia nigra somit ein zentraler Ort des pathologischen Geschehens des Morbus Parkinson quasi zu einem besonders anfälligen Gewebe für eine T-Zell-vermittelte Zerstörung erklärt. Die Forscher induzierten in ihrem Studienmodell die MHC-1-Expression über das Zytokin Interferon-gamma (IFN-γ). Im ZNS wird IFN-γ von der Mikroglia produziert, den Makrophagen des Gehirns. Die Mikroglia wiederum kann selbst auch aktiviert werden – und zwar unter anderem durch α-Synuclein, dem Hauptbestandteil der Lewy-Körper und damit durch ein weiteres zytologisches Korrelat des Morbus Parkinson.

Mit kleinen Schritten hin zu neuen Therapien

Die neuen Erkenntnisse eröffnen ganz neue Ansätze für die Therapie des Morbus Parkinson und stellen die Möglichkeit in Aussicht, zukünftig auf gezielte immunologische Therapien zurückgreifen zu können. Der Vesikeltransport als Regulator der mitochondrialen Antigenpräsentation könnte einen Angriffspunkt für eine solche gezielte Therapie und die Basis für die Entwicklung neuer Medikamente darstellen. Bisher läuft die Behandlung von Parkinson-Patienten hauptsächlich symptomatisch ab. Durch Substitution des Dopamins, allen voran durch L-DOPA, können die Symptome oftmals vor allem in den ersten Erkrankungsjahren mehr oder weniger kontrolliert werden. Die Neurodegeneration schreitet jedoch voran und kausale Therapieansätze existieren bislang nicht. Auch die Option, ganz allgemein autoimmunologische Prozesse bei der Parkinsonerkrankung zu modulieren, rückt in den Fokus. Eine Möglichkeit könnte sein, die Entzündungsreaktion auf Ebene der proinflammatorischen Zytokine zu stoppen. Neben erhöhten Leveln an IFN-γ weisen Parkinson-Patienten auch erhöhte Konzentrationen an IL-1, IL-6 und TNF-α auf. Der Einsatz von monoklonalen Antikörpern wie TNF-α-Inhibitoren könnte eine vielversprechende Option darstellen. Auch Glukokortikoide kämen mit ihren antiinflammatorischen Effekten infrage und wurden in Studien vielfach bei entzündlichen Prozessen innerhalb des Gehirns eingesetzt. Insbesondere für Dexamethason konnte ein protektiver Effekt auf dopaminerge Neurone beobachtet werden.

Risiko senken durch Langzeiteinnahme von Antirheumatika

Ähnliches gilt auch für die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Aspirin oder Ibuprofen: Hier gibt es Hinweise, dass eine Langzeiteinnahme das Parkinsonrisiko um mehr als 20 % reduziert, was möglicherweise für ein hohes therapeutisches Potenzial dieser Substanzklasse spricht. Auch das Tetrazyklin-Analogon Minocyclin sowie der Opioid-Antagonist Naloxon zeigen antiinflammatorische Wirksamkeit jenseits der Blut-Hirn-Schranke. Die neuen Erkenntnisse müssen natürlich noch weiter beforscht werden und neue Therapien können nicht gleich leichthin aus dem Ärmel geschüttelt werden. Allerdings wecken die Ergebnisse die Hoffnung, die zweithäufigste der neurodegenerativen Erkrankungen zukünftig vielleicht doch zum Stillstand bringen zu können – und die Betroffenen aus Selbigem zu befreien.

 

 

 

Guter Schlaf schützt das Gehirn – schlechter Schlaf fördert Alzheimer und Parkinson

 

Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V., Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen Pressestelle der DGN Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Der Mensch verschläft rund ein Drittel seines Lebens. „Guter Schlaf erhöht die Chancen, bis ins hohe Alter geistig fit und gesund zu bleiben“, sagt der Neurologe und Schlafmediziner Professor Geert Mayer von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. In seinem Symposium „Schlafstörungen in der Neurologie“ werden auf dem Neurologenkongress in Mannheim aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert, die zeigen, wie Schlaf das Gehirn vor neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson schützen kann. „Schlafstörungen und neurologische Erkrankungen hängen oft eng zusammen“, so Mayer weiter. Wenn man Auffälligkeiten im Schlaf wahrnimmt und ernst nehme, lasse sich manchmal sogar ein Schlaganfall verhindern.

Schlaf entgiftet das Gehirn

Ausreichend erholsamer Schlaf ist für den Menschen überlebenswichtig. Während der Körper ruht, regenerieren die Muskeln, speichert das Gehirn Gelerntes ab und das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren, um Krankheiten abzuwehren. Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass guter Schlaf auch vor neurologischen Altersleiden wie Parkinson schützen kann. „Schlaf ist für das Gehirn wie ein Spülprogramm, denn im Schlaf werden Abbaustoffe ausgewaschen“, erklärt Professor Geert Mayer, Chefarzt der Neurologie und des Schlafmedizinischen Zentrums der Hephata-Klinik in Schwalmstadt. „Fehlt die Nachtruhe, kann sich in den Nervenzellen Abfall des Gehirnstoffwechsels anhäufen und Schaden anrichten.“ Eine mögliche Folge von Schlafmangel ist z.B., dass fehlerhaft gefaltetes Alpha-Synuklein nicht ausreichend aus dem Zentralnervensystem entfernt wird. Das Eiweiß wird als Ursache der Parkinson-Krankheit diskutiert. Es lagert sich typischerweise im Gehirn der Erkrankten ab, wo es in den Nervenzellen sogenannte Lewy-Körperchen bildet. Je weiter die Krankheit fortschreitet, desto mehr dieser schädlichen Ablagerungen entstehen im Gehirn. „Abbaustoffe, die charakteristisch für die Alzheimer-Erkrankung sind, wie Tau-Proteine oder Beta-Amyloid, werden ebenfalls vorwiegend im Schlaf aus dem Gehirn gewaschen“, ergänzt Mayer. Diagnose im Schlaflabor Schlaf kennt viele Varianten des Normalen. Während Babys noch den halben Tag verschlafen, kommen Erwachsene oft mit wenigen Stunden Schlaf aus. Viele Menschen, vor allem ältere, wünschen sich mehr erholsame Nachtruhe. „Nicht jeder, der das Gefühl hat, schlecht zu schlafen, leidet unter einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung“, betont der Schlafmediziner. „Aber Tagesschläfrigkeit, Ein- und Durchschlafstörungen, die länger als drei Monate anhalten, sehr unruhiger Schlaf, Atemaussetzer und andere auffällige motorische Phänomene im Schlaf sollten im Schlaflabor abgeklärt werden.“ Bei entsprechenden Symptomen könne der Hausarzt oder der behandelnde Neurologe den Patienten in eines der mindestens 34 neurologischen Schlaflaboratorien in Deutschland überweisen. Für eine exakte Diagnose wird der Patient dort verkabelt, um Vitalfunktionen zu kontrollieren, es wird ein EEG aufgezeichnet und der Schlaf via Videokamera überwacht.

Schlafstörung geht Parkinson voraus

Eine Störung, die im Schlaflabor aufgedeckt werden kann, ist die REM-Schlafverhaltensstörung (REM sleep behavior disorder, RBD). Im Traumschlaf ist die Muskulatur normalerweise inaktiv. Patienten mit RBD sind in dieser Schlafphase dagegen auffällig in Bewegung, wie Mayer in einem eindrucksvollen Video präsentiert. „Betroffen sind vorwiegend Männer über sechzig mit kardiovaskulären Erkrankungen. Sie haben aggressive Träume und schlagen und treten um sich, wobei sie nicht selten sich selbst oder ihre Bettpartner verletzen“, erklärt der Neurologie und ergänzt: „Wir wissen, dass etwa 90 Prozent der Betroffenen innerhalb weniger Jahre eine Parkinson-Erkrankung entwickeln.“ Auch bei REM-Schlafstörungen sind Ablagerungen von Alpha-Synuklein nachweisbar. Sie stehen derzeit im Fokus der Forschung, weil diese Patienten für eine Frühbehandlung der Parkinson-Erkrankung in Frage kommen.

Atemaussetzer erhöhen Schlagunfallrisiko

Der Zusammenhang zwischen Schlaf und einer anderen neurologischen Erkrankung ist seit einigen Jahren bekannt: Wenn die Atmung im Schlaf unbewusst aussetzt, steigt das Schlaganfallrisiko. „Mit einer gezielten Behandlung können wir das Schlaganfallrisiko und das langfristige kardiovaskuläre und Mortalitätsrisiko wirksam senken“, sagt Mayer. Deshalb sei es essenziell, schlafbezogene Atmungsstörungen (SBAS) frühzeitig zu erkennen.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen Prof. Dr. Geert Mayer Hephata-Klinik Schimmelpfengstr. 6 34613 Schwalmstadt E-Mail: geert.mayer@hephata.de

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie c/o albertZWEI media GmbH, Englmannstr. 2, 81673 München E-Mail: presse@dgn.org, Tel.: +49 (0) 89 46148622 Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.

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Präsident: Prof. Dr. med. Ralf Gold, Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink Past-Präsident: Prof. Dr. med. Martin Grond Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter, Geschäftsstelle: Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0) 30 531437930, E-Mail: info@dgn.org